Ein Erfahrungsbericht

Ich heiße Bärle und bin drei Jahre alt.

baerle2014Früher hieß ich mal anders, aber den Namen hab ich leider vergessen. Columbus hat mich gefragt, ob ich was für den Tierschutzboten schreibe, und da konnte ich ja nicht nein sagen. Eigentlich wollte ich von ihm ja nur wissen, woher man so schicke Pullover bekommt. Es sei ein Einzelstück, meinte er. Schade. Ich wohne nicht in der Katzenstation in Neureut, aber drei meiner Kinder sind da eingezogen. Vor drei Jahren sind auch meine vier Geschwister verreist. Ich wollte aber nicht mit, weil Mama sagte, daß Pauschalreisen nicht das Wahre sind. Irgendwann ist dann Mama auch verschwunden, und ich hab ihr Revier übernommen. Na ja, mein Revier ist es eigentlich nicht, hier gibt es einen Revierkater, der manchmal richtig brummig ist. Aber auf alle Fälle wohne ich hier.

Letztes Jahr hatte ich vier Kinder – eines süßer als das andere. Mit der Zeit wurde das aber ganz schön stressig als alleinerziehende Mutter. Eines von den Kleinen ist dann nach Stuttgart umgezogen; hoffentlich kommt der Kleine da mit dem Dialekt zurecht. Dann haben wir ein Quartier für meine drei anderen Schätzchen gesucht, aber keines gefunden, bis Wera Schmitz sich ihrer angenommen hat. Mein Herr Sohn hat keine drei Tage gebraucht, um das Passwort von dem Computer zu knacken, der dort rumsteht, seitdem bekomme ich immer wieder mal Mails von ihm. Es gefällt den beiden, die noch dort wohnen, sehr bei Wera Schmitz. Für mein Drittes hat sie ganz schnell ein neues Zuhause gefunden.

Irgendwie hatte ich mir schon überlegt, daß ich den Stress nicht jedes Jahr brauche, und schon gar nicht zweimal im Jahr, und so langsam habe ich mich mit dem Gedanken an eine Kastration angefreundet. Als es dann soweit war, habe ich beim Tierarzt pflichtschuldigst ein bißchen randaliert, so ganz leicht wollte ich es ihm ja auch nicht machen – man hat ja einen Ruf zu verlieren. Irgendwann bin ich dann eingeschlafen, und nach dem Aufwachen war alles wie vorher, nur anders...

Da, wo ich vorher schon wohnte, bin ich jetzt fest eingezogen. Es gibt regelmäßige Schmuseeinheiten, und die Verpflegung ist erstklassig. Und ich kann auch spielend darauf verzichten, bei Regen oder Schnee draußen rumzurennen und Mäuse zu jagen, so prickelnd ist das ja nun auch nicht. Einen festen Freund hab ich jetzt auch, der stellvertretende Revierkater ist ja sowas von lieb... Die Dritte hier zickt noch ein bißchen, aber das wird sich auch geben.

Alles in allem hab ich‘s gut getroffen. Und vor allem muß ich mir nicht mehr solche Sorgen machen, was aus meinen Kindern wird. Und darüber, wie viele es schaffen werden, am Leben zu bleiben. Ich will gar nicht wissen, wie viele Katzenmütter bei der Futtersuche überfahren werden, denn das Säugen strengt ganz schön an. Ich hatte es da gut, nach dem Säugen konnte ich immer ein Schläfchen machen, und nach dem Aufwachen gab es Frühstück. Meine Mama hatte es da viel schwerer, und ich mag mir gar nicht ausmalen, warum sie damals verschwunden ist. Hätte sie es so gemacht wie ich, gäbe es mich nicht, das ist mir schon klar. Aber sie wäre dann vermutlich noch am Leben.

Herzliche Grüße, Bärle

(Herzlichen Dank, Herr Becht, für Bärles Erfahrungsbericht)

07.2014